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TIJUANA.- Seit Monaten machten sich weltweit viele Jazzfreunde ernsthaft Sorgen um Jeanne Lee und deren Gesundheitszustand. Im Internet wurden Spendenaufrufe für die nicht krankenversicherte Künstlerin verbreitet, das New Yorker Avantgarde-Domizil "The Knitting Factory", in dem die Sängerin schon oft konzertierte, organisierte Benefizkonzerte. Am 24. Oktober 2000 verstarb Jeanne Lee im mexikanischen Tijuana; zu einer dortigen Spezialklinik hatten sie kalifornische Ärzte geschickt. Bereits im Frühjahr wurde in Europa schlimmer Darmkrebs diagnostiziert und bei der 62-Jährigen ein großer chirurgischer Eingriff unternommen.
Geboren wurde Jeanne Lee am 29. Januar 1938 als Tochter eines afroamerikanischen Klassik-Sängers.
In Mitteleuropa erregte sie Mitte der sechziger Jahre zunächst Aufsehen als Duo-Partnerin des
Pianisten Ran Blake. 1967 begann die künstlerische und private Liaison mit dem deutschen Multi-Instrumentalisten Gunter Hampel, einem Free-Jazzer der ersten Stunde. So galt Jeanne Lee damals geradezu als die einzig führende Vokalistin des Avantgarde-Jazz. Doch ihr Musizieren hatte nicht Wildes und Derbes an sich, mit ihrer mütterlichen und weichen Stimme in dunklem Timbre strahlte sie stets Geborgenheit aus. Warmherzigkeit bei Nicht-Tonalem: melodisch und rhythmisch blieb sie irgendwie kinderliedhaft. Schließlich war sie auch eine treu sorgende Mutter, die so den kleinen Sohn Ruomi Hampel-Lee mit auf Tourneen nahm und diesen während der Auftritte von einer eigens engagierten Babysitterin in Obhut gab.
Man erlebte die ruhig und konzentriert vorgehende Vokalistin in Konzerten meist mit ihrem Ehemann Gunter Hampel, der viele (live-)Aufnahmen auf seinem Göttinger Label "Birth Records" veröffentlichte. Außerdem arbeitete Jeanne Lee beispielsweise noch mit Archie Shepp, Carla Bley, Roland Kirk, John McLaughlin, Charlie Haden, Lester Bowie, John Fischer, Anthony Braxton und sogar mit dem Neutöner-Komponisten John Cage zusammen. Dem in unterschiedlichen Besetzungen auftretenden Quartett "Vocal Summit" (Urszula Dudziak, Jay Clayton, Bobby McFerrin, Bob Stoloff, Lauren Newton) verlieh sie mit ihrem einzigartigen Vokalorgan eine unverwechselbare Klangfarbe. Daneben bewährte sich Jeanne Lee auf dem alten und neuen Kontinent als Gesangsdozentin.
Gunter Hampel schrieb in einem per E-Mail verbreiteten Nachruf: "Ihre Größe kann ich nicht in Worte fassen, aber beim Hören ihrer zutiefst humanen Stimme, ihres unglaublichen Timings und ihrer Poetry kann man den musikalischen Beitrag, den sie für uns alle erbracht hat, verstehen."
(c)
Hans Kumpf 2000
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