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JazzPodium 2005-07/08
Cope Records
Warum Jazz in Skandinavien so gut gedeiht, bleibt vielen ein Rätsel. Es soll hier auch gar nicht der Versuch gemacht werden, den Spekulationen, Thesen und Theorien zum Boom improvisierter Musik im Lande der Wikinger eine weitere hinzuzufügen. Jedoch soll der Blick auf das südlichste der skandinavischen Länder gelenkt werden, auf Dänemark und dessen aktive und attraktive Jazzszene. Deren Dokumentation nimmt sich seit etlichen Jahren u. a. Cope-Records an, das Label des Trompeters Peter Kehl. Inzwischen sind weit über 100 Produktionen seit ein paar Monaten im Vertrieb von jazz-network.com, auch in Deutschland ohne mühsame Recherche zu haben.
Der Blick über die nördliche Grenze lohnt sich durchaus: Vielfältig ist das Repertoire des Labels, das sich weniger der „Landschaftsmalerei" eines „typisch nordischen" Stils verschrieben hat als der Vorwärtsbewegung einer am Mainstream orientierten Bandbreite. „Im Grunde ging es uns zunächst einfach darum, Musikern aus Dänemark eine Chance zur Veröffentlichung ihrer Musik zu erschließen. Die primäre Motivation bestand eigentlich in der Hilfe zur Selbsthilfe. Es war einfach zu schwierig, die Musik auf den Markt zu bringen ohne dabei ziemlich drauf zu zahlen. Es fehlte einfach ein Forum dafür; erklärt Peter Kehl den Impuls der Labelgründung im Jahre 1999. Später kam Eins zum Anderen. Ging es in den ersten Jahren darum, fertige Produktionen zu übernehmen und für die entsprechende Marktplatzierung zu sorgen, wird inzwischen mehr und mehr darauf Wert gelegt, von Beginn an bis zum Schluss Verantwortung zu übernehmen, von der Aufnahme bis zum Marketing. War die Zahl der Publikationen recht groß, die man in der Anfangszeit auf den Markt brachte, pendelt sie sich auf nunmehr zehn bis zwölf Produktionen pro Jahr ein. Auch die Garde der Musiker, die bei Cope Records eine Heimat fanden, wuchs und weitete sich.
Von Beginn an hat man mit der Veröffentlichung von Aufnahmen mit u. a. Horace Parlan (cope cd 015) oder Teddy Edwards (cope cd 016) versucht auch internationales Format zu erreichen. "Stilistisch legen wir uns bewusst nicht allzu sehr fest"; meint Kehl, „orientieren uns insgesamt jedoch mehr am traditionellen Jazz, wie er aus den Vereinigten Staaten kommt als an den nordeuropäischen Strömungen, wie sie in den letzten Jahren mehr und mehr populär wurden. " Andererseits möchte man eigentlich auch daraus kei- nen dogmatisch fixierten Schwerpunkt machen. Der Blick geht über den Tellerrand simpler Traditionspflege weit hinaus. Das zeigt schon die Band Wonderbrazz des Labelinhabers selbst, die auf „Bopa II Opera" (cope cd 090) in klassischer Brass-Besetzung einen vitalen Mix aus urbanem Groove, Power-Funk, HipHop, Soul und New Orleans zusammenbraut, der in einer Aufnahme vor Live-Publikum so richtig zum Tragen kommt. Funky Groove, hier allerdings deutlich stärker im Reich kultivierter Fusion zu Hause, gibt's auch von Bentzon Brotherhood auf „Wired Up" (cope cd 041). Eher dem Singer-Song- writer Genre zuzuordnen ist der Gitarrist und Vokalist Jens Lysdal der auf „Keep The Light In Your Eyes" (cope cd 011) von der Begleitkunst des Bass-Altmeisters Hugo Rasmussen und des dänischen Radio Symphonieorchesters wie auf Schwingen getragen wird.
Ein gutes Beispiel für die vielfältige Interessenslage dänischer Jazzenthusiasten bietet die DR Big Band mit drei kurz hintereinander veröffentlichten grundverschiedenen Projekten: „Cuban Flavour" (cope cd 113) dokumentiert die kreative und ergiebige Begegnung musikalisch höchst versierter Nordmänner mit sechs quirligen Musikern der neuen Generation Kubas. Das Aufeinandertreffen ergab sich als so temperamentvoll, dass Cesar Lopez und Alexis Bosch Mendez flugs ein komplett neues Repertoire komponierten und arrangierten. „Dansk Stereo" (cope cd 115) widmet sich in Kooperation mit dem DR Radio-Underholdningsorkestret und in dänischem O-Ton jazziger Sangeskunst verschiedener Komponisten und Interpreten, die sich der Inspiration der 30er, 40er und 50er hingeben. In sehr beachtlicher Weise an der Pop-Moderne interessiert ist dann wiederum die Kooperation der Big Band mit der von der Färöer-Inseln stammenden Sängerin und Komponistin Eivor Pälsdöttir. Die „färöische Björk", deren Repertoire Jazz, Folk, Ethnopop und Rock, aber auch Klassik und Kirchenmusik umfasst, dürfte zu den bedeutendsten Musikerinnen Skandinaviens gerechnet werden. Sie entfaltet auf „Trollabundin" (cope cd 114) im Kontext der Big Band auf Färöisch, Englisch, (Kirchen-)Dänisch, schwedisch und Isländisch einen fast schon übersinnlichen stimmlichen Zauber, der die Songs der „Eisgöttin" auch dem Jazzfan in beeindruckender Weise erschließt. Noch eine bemerkenswerte weibliche Stimme: Thulla, die mit ihrer eher elektronisch geprägten „Evergreen Machine" (auf dem Cope-Sublabel Calibrated) ihren eigenwilligen Gesangsstil ebenso sinnlich zelebriert wie auf „Double Up" (cope cd 050) in Zusammenarbeit mit einer versiert swingenden Jazzcrew.
Das führt nun doch auch zum Jazz eher mainstreamig-klassischer Prägung: Da ist u. a. das Duo Mads Vinding, b, Jakob Fischer, g, die „Over The Rainbow" (cope cd 047) der hohen Kunst sanft kommunizierender akustischer Standardinterpretationen huldigen, da sind Martin Schack, p, und Karsten Bagge, dr, die als baggeschack in Zusammenarbeit mit Marc Davis, b, und John Ellis, ts, ein postmodernes Jazzquartett von offener Neugier bilden - „Confidentlyuncertain" (cope cd 006) -, da ist das Quintett des Trompeters Marten Lundgren, der mit „Travellin"` (cope cd 078) wiederum ein kurzweiliges Bekenntnis zur Pflege der Jazztradition ablegt, da sind die Ice Cream Vendors, eine dänisch-kubanische Truppe, die das missing link zwischen Nordsee und Karibik im Aufeinandertreffen von Jazzern und Salseros auf ihre Weise interpretieren, da ist der seinerseits stärker weltmusikalisch orientierte meditative Groove der Band Another World der Tenorsaxophonistin Katrine Suwalskis mit ihrem „Rainbow Blues" (cope cd 089), da ist eine ganze Reihe bemerkenswerter Pianotrios. Christoffer Mrdller, p, Kasper Tagel, b, Kristian Karottki, dr, alias SAN pflegen auf ihrem Debüt (cope cd 110) gemeinsam mit dem Gastsaxophonisten Hans Ulrik eine an klassischen Formen orientierte Improvisationskunst, Peter Rosendal, p, Mads Vinding, b, und Morten Lund, dr, dokumentieren „Live At The Copenhagen Jazzhouse" (cope cd 080), wie unmittelbar das Zusammenspiel eines Trios der Bill-Evans-Tradition ineinander greifen kann, Marko Martinovic, p, Kristor Brodsgaard, b, Janus Templeton, dr, eine der weltweit am meisten gebuchten Bands aus Dänemark, orientieren sich mit ihrem Gast Chris Cheek, ts, auf Trioscope Feat. Chris Cheek (cope cd 098) stärker an der Moderne, das Kristian Marcussen Trio mit Morten Lundsby, b, und Martin Roy Wade, dr, schließlich evoziert mit der von lichter Transparenz und introspektiver Ruhe getragenen Bewegung auf „Alfa Omega" (cope cd 092) dann doch die Assoziation eines „typisch" skandinavischen Jazz.
Und, und, und ... Für die Zukunft setzt Peter Kohl nicht nur auf den „klassischen" Vertrieb, sondern auch auf die Internetplattform und die entsprechenden Download-Möglichkeiten. Auf der anderen Seite möchte er mit den Bands seines Labels auch vermehrt Live-Präsenz zeigen, zumal jenseits der dänischen Grenzen; in Bezug auf den deutschen Markt erhofft man sich von einer klugen Vermarktung der CDs demzufolge auch die Aufmerksamkeit der Festivalmacher und Clubbetreiber für Jazz made in Denmark.
Tobias Böcker
- Peter Kohl von Cope Records: „Stifistisch legen wir uns bewusst nicht allzu sehr fest, orientieren uns insgesamt jedoch mehr am traditionellen Jazz„ wie er aus den Vereinigten Staaten kommt als an nordeuropäischen Strömungen, wie sie In den letzten Jahren mehr und mehr populär wurden"
- Einer der Vertragskünstler von Cope Records: Horace Parlan Foto: Godehard Lutz
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