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JazzXclamation: Aphrodite Goes Shopping

Kathrin Lemke (sax, voc) Peer Neumann (p, organ, rhodes) Stephan Bleier (b) Michael Griener (dr) John Schröder (dr)

What Does She Know Anyway / Ambivalley / ...Meanwhile / Hear That Bear, How He Sings / Invader / ...Meanwhile / Asphaltklang / Kaputter Walzer / ...Meanwhile / Point Of Return / Aphrodite Goes Shopping / ...Meanwhile / Liberation-Song Of A Brave Woman / 17 (Guess Why!) / ...Meanwhile / Finally / And Goes Shopping Again

"Was für einen Stil spielt JazzXclamation denn?" lautet die häufig gestellte Frage - Gott sei Dank, da stehen sie schon, die vielen Schubladen, die alle bereits für uns geöffnet wurden: "Schräg", "straight ahead", "lyrisch", "wild", außerdem orientiert: "am 60er-Jahre-Soul-Jazz", "am Cool-Jazz", "am Bebop" an "Bitches Brew" "an Filmmusik" und "am Pop", wobei Vorbilder wie Eric Dolphy und Ornette Coleman deutlich zu hören seien. Davon abgesehen ist es vielleicht nicht falsch zu behaupten, dass die Band ihren eigenen Stil spielt. Die Kompositionen sind meist einfache Songs, deren Strukturen jedoch oft aufgebrochen werden und in freiere Improvisationen gehen. Klischees werden verwendet, um den Hörer in eine bestimmte Richtung zu schicken, die dann plötzlich verändert wird. Allerdings erhebt sich die Band nicht über traditionelle Elemente - diese werden vielmehr fortgeführt, in einen aktuellen Kontext gebracht. Durch die Kombination von akustischen und elektronischen Klängen entsteht ein expressiver wie intimer Bandsound.
"Bravourös spannte das Quartett den Bogen von Easy-Listening-Jazz bis zu experimentelleren Tönen: Musik mit eigener Handschrift und Ausstrahlung, die sich gegen eingefahrene Kategorien sträubt."
Saarbrücker Zeitung (8.10.2002)

Konnex Records /rec 2004 /ModernJazz /CDs: 1

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Rezensionen

Aphrodite geht einkaufen

Berliner Quartett JazzXclamation legt neues Album vor

So klingt Berlin: verstimmt, neurotisch, durchgeknallt, ironisch. Wer Auswärtigen die Stimmungsvielfalt zwischen Spandau und Neukölln nahe bringen will, muss nur zum neuen Album von JazzXclamation greifen.

„Aphrodite goes Shopping“ lautet der mysteriöse Titel. Der humanistisch gebildete Hörer erinnert sich, dass die Göttin Aphrodite für ihre Schönheit bekannt war. Über ihr Konsumverhalten ist uns Heutigen jedoch nichts bekannt. Die (einkaufslustige?) Dame auf dem CD-Cover mit trendigem Dalmatiner an der Leine hilft auch nicht viel weiter.
Aber vielleicht kann ja die Musik das Rätsel lösen: Sie weckt wie ein bewusst verwackelter Videoclip die Vorstellung einer weiblichen Schönheit mit Gucci-Täschchen und Schoßhund, die mit ihrem Zehn-Zentimeter-Absatz in einen Haufen Großstadt-Hundedreck tritt.

JazzXclamation fängt die Widersprüche und Alltagsfrustrationen des Großstadtlebens gekonnt ein. Stücke wie „Asphaltklang“ oder „Kaputter Walzer“ spiegeln den Pendelschlag urbanen Lebens zwischen hektischer Aktivität und Melancholie. Treibende Kraft bei JazzXclamation ist die junge Saxophonistin Kathrin Lemke. Sie studierte in Heidelberg und Frankfurt Geisteswissenschaften, bevor sie sich beruflich auf den Jazz einließ. Seit Abschluss ihrer Ausbildung 1999 wohnt sie in Berlin. Nach eigenem Bekunden ist Frau Lemke „seit Jahren 29“. Selbstironisch nennt sich die Musikerin im Booklet der CD ein „brave girl in the mean world of jazz“. Tatsächlich ist sie ein ziemlich schweres Kaliber für alle jene Hörer, die sich bei sanften Saxophontönen und mit einem Cocktailglas in der Hand entspannen wollen. Kathrin Lemke bläst ihnen ihre Erwartungen gnadenlos um die Ohren. Das Klischee von Frauen im Jazz, die nett herumstehen und ein bisschen singen, wird dabei restlos zerstört. „Es enthält ja ein Fünkchen Wahrheit“, gesteht die Saxophonistin und fügt hinzu: „Dadurch fühle ich mich aber nicht benachteiligt. Im Gegenteil. Ich finde das eher lustig. Und freue mich, wenn die Leute sich dann wundern.“.

Zu wundern gibt es auf dieser Scheibe Einiges, zumal das Quartett seine eigene musikalische Handschrift hat, die sich gebräuchlichen Schubladen konsequent entzieht. Das Repertoire von JazzXclamation stammt gänzlich aus der Feder Kathrin Lemkes. Das titelgebende Stück „Aphrodite goes Shopping“ erinnert an die kargen, verzerrten Themen von Thelonious Monk. In „Ambivalley“ zeigt Kontrabassist Stephan Bleier seine virtuosen Qualitäten.
Teils melancholisch-melodisch, teils eingängig-populär geben sich die Melodien des Albums. Alles jedoch wird verfremdet und ironisch gebrochen. Zu ungewöhnlichen Klangverfärbungen trägt auch Peer Neumann am E-Piano bei.

JazzXclamation ist nicht das einzige musikalische Projekt von Kathrin Lemke. Das Trio „Anke und die Seemannsbräute“ mit zwei Saxophonen und Stimme will „furchtlos Klischees verwenden und zerstören“ – so die bedrohlich klingende Ankündigung auf der gelungenen Internetseite www.kathrinlemke.de. Nicht weniger obskur gibt sich „Protoplasma´s Little Brother“ – ein elektroakustisches Duo mit dem Kölner Organisten Frank Stanzl.

Mit ihren Kollegen von JazzXclamation plant Kathrin Lemke ebenfalls weitere Aufnahmen und Konzerte. Möge ihr Aphrodite Glück und Erfolg bringen. Dass die Göttin häufig mit einem spöttischen Lächeln dargestellt wurde, scheint sie zur passenden Beschützerin für die sympathische Künstlerin mit dem bissigen Humor zu machen.

Text: Antje Rößler | Foto: Stephan Berg
JazzZeitung 2004-12



„Soll noch einer sagen, in Berlin tue sich nichts. „Aphrodite Goes Shopping“, das zweite Album des Quartetts JazzXclamation um die Saxofonistin Kathrin Lemke, manövriert mit Energie und Witz an den Klischees der Avantgarde vorbei und bringt zugleich psychedelische Steigerungsmomente und raffiniert arrangierte Reduktion zusammen. Diese Musik hat die Luft der Sechziger geschnuppert, setzt ihr aber den ironisch lässigen Atem der Gegenwart entgegen. Pfiffig.“ Stereoplay (01/2005), Ralf Dombrowski



“Eleganz, Groove. Power und eine Spur Großkotzigkeit zeichnen den urbanen Jazz des Quintetts JazzXclamation um Saxofonistin Kathrin Lemke aus. Frei von Scheuklappen vermittelt die Band zwischen dem Free Jazz der Sechziger, der Avantgarde der Achtziger und zeitgenössischem Lounge Jazz. Musik ohne Stillstand und somit eins der wenigen Jazzalben, auf denen das Berliner Pflaster adäquat in Sound übersetzt
wird.“ TIP (12/2004), Wolf Kampmann



Musik-Manna
“Nichts gegen Charlie Parker. Aber manchmal muss man ihn beiseite legen. Das gelingt grandios der Band „JazzXclamation“.
Shit, selten solch eine Musik gehört, die wie ein erfrischendes Vollbad wirkt. Ellington? Achja, bleib’ nur in der Gruft, Du ewiger Gigant.
Die Musik von „JazzXclamation“ ist wie eine Fortschreibung von Satie, der mit der Zukunft kopuliert. Da tropft der Saft des Sounds, und man leckt sich die Lippen, Verzeihung, die Ohren! Ja, die ironische Musik dieser Combo ist Manna für die Hör-Muscheln. Allerdings nicht für jene, die an ihren Ohren verschimmelte Musik-Hüte aufhängen.“ Michael Naura, (10/ 2004)


“So könnte Jazz klingen, der für die Gegenwart gemacht ist: mal grob wie ein Heavy-Metal-Riff, mal zärtlich-verspielt wie eine Pop-Ballade. Das Quartett um Saxophonistin Kathrin Lemke hat all diese Klangfarben drauf. Es entspinnt flackernde Tongebilde. Die könnten auch einen Thriller untermalen, so Spannungsreich irrlichtern sie durch Songs, die "Kaputter Walzer" oder "Liberation-Song Of A Brave Woman" heißen und sich mitunter in wüst-hämmernden, spitz-fiependem Kollektivkrach auflösen. Das ist raffiniert, gerade in seiner kindlichen Zertrümmerungsgeste.“ Der Tagesspiegel (10/2004), Kai Müller

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