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Bei ‚Electric Bundle’ geht es, um das von vornherein klarzustellen, nicht um elektronische Musik. ‚Electric Bundle’ steht vielmehr für eben solche Spannungsfelder, wie es sie in der Physik genauso gibt wie in der Musik. Dass diese den Hörer dann auch noch "elektrisieren" können, ist eher eine zusätzliche Komponente. In erster Linie aber geht es Schmolck um die Bündelung individueller musikalischer Stimmen, die ihre Eigenart behalten, in den Vorder- oder Hintergrund der Musik treten, und dabei immer Teil des musikalischen Prozesses bleiben. Schmolcks Kompositionen geben Richtungen vor, sie deuten an, wohin es gehen soll in der Musik, sie lassen dabei allen Beteiligten genügend Freiraum, durch strukturelle oder Klangveränderungen Einfluss auf den Fortgang zu nehmen. Tatsächlich ist Schmolck selbst der einzige der vier Musiker, der zu elektronischen Hilfsmitteln greift. Diese setzt er sorgsam ein, überlegt, mit Bedacht auf ihre Wirkung, darauf, welchen Einfluss und welchen Effekt sie haben können. Samples, vorgefertigte Loops, Live-Elektronik, all das ist höchstens Ergänzung, nicht Hauptzweck seiner Musik. Stephan Schmolck ist schließlich in erster Linie Kontrabassist.
Im Vordergrund der von Schmolck angestrebten Spannungsfelder stehen die vier Musiker. Der Bassist hat Kollegen um sich versammelt, mit denen er bereits in diversen Projekten zusammengearbeitet hat. Hugo Read bringt aus seiner musikalischen Biographie eine breite stilistische Offenheit mit: Seine Erfahrungen zwischen Stockhausen, dem Ensemble Modern, Jazz und Rock ermöglichen ihm, komplexeste minutiöse Perfektion und eruptive Ausbrüche quasi direkt nebeneinander zu platzieren. John Schröder kennt Schmolck schon aus dessen Frankfurter Zeit. Schröder war als Gitarrist auf der CD "Rites of Passage" (1993) mit dabei, deren Titelstück hier eine gänzlich andere Interpretation erfährt, damals recht frei, heute weit stärker klar strukturiert. Mittlerweile hat Schröder sich auch als Schlagzeuger und Pianist einen Namen gemacht. Auf "Electric Bundle" spielt er in der Hauptsache Klavier – daneben allerdings auch Gitarre, und zwar beide Instrumente gleichzeitig. Das ist keine Zirkusartistik, sondern ungemein musikalisch, eine weitere Ergänzung zur Klangästhetik der Musik – etwa, wenn er in "August in spring?" sich überschlagende Klavierläufe intoniert und zugleich vereinzelte Gitarrenakkorde setzt. Eric Schaefer ist der jüngste der Truppe, bringt einen anderen Erfahrungs-Background, andere musikalische Kompetenzen mit ein. Ob swingend oder rockig oder drum 'n' bass – Schaefer hat jede Menge beizutragen zu Schmolcks Konzept.
Ein Schlüsselstück für Schmolcks musikalische Vorstellungen ist vielleicht "Foxy". Als Ausgangspunkt dient "Foxy Lady" von Jimi Hendrix, dessen Stimme als Sample zu hören ist, elektronisch verfremdet, mit synthetischen Akkorden überlagert. Schaefer legt eruptive Drum-'n'-Bass-Rhythmen darunter, Read spielt eine Art großer Kantilene, eine elegische Linie, irgendwie völlig abgehoben vom Erdigen darunter. Es ist diese Art der Verzahnung, an der Stephan Schmolck gelegen ist, das Ineinandergreifen unterschiedlichster Impulse, deren Resultat mehr ist als die Summe der einzelnen Beiträge. "Viele Hendrix-Projekte", erzählt Schmolck, "sind daran gescheitert, dass sie zu stark versuchten, die Stücke selbst umzusetzen. Das wurde dann meist zu artifiziös, entsprach nicht so sehr den Ur-Energien, die sich in Hendrix's Musik finden. Und genau solche Spannungsabläufe versuche ich mit 'Electric Bundle' umzusetzen: die Musik nicht als Abfolge von einzelnen Events zu sehen, sondern als eine Folge von Spannungsbögen, die auf und zu machen. Mir ist es wichtig, die Musik als Ganzes zu sehen und nicht als Addition einzelner Solisten oder einzelner Musikern. Wie empfinde ich Musik, wenn ich Musik höre? Es mag vorkommen, dass es einzelne Musiker sind, deren Spiel mich ergreift, aber meistens ist es das, was du als Klangerlebnis wahrnimmst, das komplexe Ineinandergreifen der verschiedenen musikalischen Entwicklungen. Das Komplexe ist es, was mich so fasziniert."
"Electric Bundle" eben.
Wolfram Knauer (August 2005)
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